Buchrezension "Personenverkehr auf der Bentheimer Eisenbahn", Heimatverein Grafschaft Bentheim e.V. 2019

Ralf Alexander Tyborczyk , Herbert Raben:
Personenverkehr auf der Bentheimer Eisenbahn
173 Seiten, A4-Format, Festeinband
ISBN 978-3-9818211-5-4; 19,90 Euro
Bezug auch über: www.heimatverein-grafschaft.de / Shop

Kurz vor der Wiederaufnahme des Schienenpersonennahverkehrs auf der Bentheimer Eisenbahn erschien dieses Buch, das sich gezielt mit dem Personenverkehr auf den Gleisen der BE beschäftigt. Die beiden Autoren Ralf Alexander Tyborczyk und Herbert Raben sind bereits durch einige Artikel zur regionalen Eisenbahngeschichte in Erscheinung getreten. Verlegt wird das Buch vom Heimatverein Grafschaft Bentheim e.V., was einen zur Frage bringt, welche Prägung dem Werk denn mitgegeben wurde: Eisenbahnfachbuch oder heimatgeschichtlicher Zuschnitt?

Die Frage beantwortet bereits das Vorwort, wo es heißt: "Dieses Buch ist nicht als umfassende Chronik über die Bentheimer Eisenbahn AG angelegt,...". Man beschränkt sich auf den Schienenpersonenverkehr im regionalen Kontext und legt einen Fokus auf den Streckenabschnitt von Bad Bentheim bis Neuenhaus. Das ist legitim und insofern sinnvoll, da ja eben dieser Abschnitt seit Anfang Juli 2019 wieder im SPNV betrieben wird. Zudem soll das Werk außer bei Eisenbahnfreunden auch bei der örtlichen Bevölkerung Interesse finden, was durch die Förderung seitens der Grafschafter Sparkassenstiftung und der Bentheimer Eisenbahn AG sowie der Vorstellung in den lokalen Medien deutlich wird.

Das Buch beginnt mit einer Abhandlung zur Geschichte der Eisenbahn in der Grafschaft Bentheim. Die Auseinandersetzungen um eine zunächst gewünschte Querverbindung, aus der dann schließlich die heute noch bestehende Längsverbindung wurde, sind anschaulich dargelegt. Es folgt ein Kapitel zur Infrastruktur, das den Streckenverlauf und die Betriebsstellen von Bad Bentheim bis Neuenhaus beschreibt. Weiter geht es mit der Entwicklung des Personenverkehrs, die auf der Bentheimer Eisenbahn eine ähnliche war, wie bei anderen Bahnen oder in anderen Regionen. Explizit eingegangen wird auch auf überregionale Verbindungen auf der BE, neben Kurswagen war das vor allem der bekannte "Grenzlandexpress", der durch das westliche Münsterland ins Ruhrgebiet verkehrte. Nach dem Ende des planmäßigen Personenverkehrs gab es über fast 5 Jahrzehnte viele interessante Sonderfahrten auf der BE, denen ein eigenes Kapital gewidmet ist.

Bevor es auf den langen Weg zur Reaktivierung des SPNV geht, wird das mittlere Drittel des Buches von einer Darstellung des Fahrzeugparks ausgefüllt. Diese ist nach Meinung des Rezensenten zu umfangreich ausgefallen. Der Devise "Dönkes statt Dampf" folgend, hätte etwas Eisenbahnerlatein mehr heimatliches Leben in das Buch gebracht. Die Neubau-Dampfloks von Krupp sind zwar sehr interessant, für den Personenverkehr hingegen nicht von Bedeutung. Denkbar wäre also auch hier eine Beschränkung etwa auf eine etwas ausführlichere Darstellung zu den Triebwagen und eine knappe Darstellung des übrigen Fahrzeugparks. Die immer gern als Repräsentantin des Kleinbürgertums befragte Lieschen Müller wird sich an kurzen Geschichten mehr erfreuen als an Details zu Dampfloks, welche vor Jahrzehnten über die Gleise rollten. Auch wenn sie, also das Lieschen, stets bekundet, damit ja immer zur Schule gefahren zu sein. Entsprechende Geschichten sollten im Dunstkreis des Heimatvereins doch zu beschaffen sein. Im Zweifel müssen ja auch keine Namen genannt werden...

Der abschließende Teil zur Reaktivierung des SPNV kommt in dieser Konstellation etwas "hinterher gehechelt". Das soll nun jedoch nicht heißen, dass man hier inhaltlich schwächelt. Im Gegenteil: Der Weg zum neuen SPNV unter den komplett anderen Rahmenbedingungen nach der Bahnreform ist gut und auch für Eisenbahn-Laien verständlich beschrieben. Doch wäre eine Einarbeitung des Kapitels in die vorherigen Abschnitte sinnvoll gewesen, um eine durchgängige Darstellung mit der früheren Situation zu erhalten.

Inhaltlich ist das Buch insgesamt gut. Wesentliche Umstände aus der Historie und aus der neueren Zeit sind anschaulich herausgearbeitet, viele Details eingestreut. Damit können Eisenbahnfreunde wie auch "normale" Leser einen recht umfangreichen Einblick in die Thematik gewinnen, auch ohne dass die gesamte Strecke der Bentheimer Eisenbahn im Detail abgehandelt wird. Die Bebilderung ist dazu angemessen gewählt worden. Da und dort vermisst man aber einen optischen Beleg. Zum Beispiel zeigt der Abschnitt zum Werkstättendienst keine Ansicht des neuen Betriebshofes in Nordhorn und zu den neuen LINT-Triebwagen fehlt eine Zeichnung des Innenraumes, wie man sie für die früheren Fahrzeuge vom Wismarer Schienenbus bis zum Esslinger Triebwagen ja findet. Auch ein paar weitere Motive von den Bauarbeiten in den letzten Jahren hätten nicht geschadet.

Die Druckqualität der Bilder ist durchweg gut, insbesondere auch bei den historischen Aufnahmen. Wechselnde Farben für die Kapitel schaffen eine frische Atmosphäre. Beim Layout gibt es allerdings auch Schwächen: Teils starker Beschnitt von Bildern, z.B. Seite 155 beim Bahnhofsgebäude Hestrup, oder die Buchfalz im Motorvorbau einer Diesellok an zwei Stellen müssen nicht sein. Unruhe bringen auch viele bis an den Seitenrand gezogene Abbildungen, nach oben wie nach unten. Das sieht nicht nur nicht gut aus, mitunter weiß man nicht, wo im Buch man gerade ist. So wurden z.B. auf den Seiten 76 bis 79 die Seitenziffern und auch die Wiederholungen der Kapitelüberschriften im Seitenkopf einfach mal weglayoutet.

Alles in Allem bekommt man jedoch ein gutes Buch zur regionalen Eisenbahngeschichte und das zu einem dank der erwähnten Förderung sehr günstigen Preis. (mw)

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