Buchrezension "Abgeschnitten vom Weltverkehr", DGEG Medien, 2020

Heribert Lülf, Heinz Peirick, Richard Vespermann:

„Abgeschnitten vom Weltverkehr" - Die Geschichte der Strecke Empel - Bocholt - Borken - Coesfeld - Münster.

132 Seiten im Format 24 x 22 cm, fester Einband, ca. 180 Abbildungen, ISBN 978-3-946594-18-5, 26,80 EUR

Lange Zeit haben nicht nur die Eisenbahnfreunde im Münsterland auf dieses Buch gewartet - und, um es vorweg zu nehmen, sie werden nicht enttäuscht. „Abgeschnitten vom Weltverkehr" - ein zugegebenermaßen auf den ersten Blick eher ungewöhnlicher Titel für eine Streckenchronik - erzählt die Geschichte der 110 Kilometer langen Nebenbahn von Empel-Rees über Bocholt, Borken und Coesfeld nach Münster. Und abgeschnitten vom Weltverkehr war diese Gegend im Westmünsterland zum Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich. Mit dem Bau der Strecke zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen 1900 und 1908 nahm diese Entwicklung ein Ende. Die Strecke selbst hingegen musste sich bedingt durch Kriegswirren und den insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren zunehmenden Individualverkehr über viele Jahre immer wieder neu behaupten, was leider nur unzureichend gelang. Heute wird die Strecke nur noch im Abschnitt Münster - Coesfeld von Personenzügen befahren, Güterverkehr wird planmäßig gar nicht mehr abgewickelt.
Und doch: Es besteht berechtigte Hoffnung, denn für den Streckenabschnitt Bocholt - Coesfeld wurde eine Machbarkeitsstudie zur Wiederaufnahme des Schienenpersonennahverkehrs vorgelegt. Und auch wenn das Ergebnis der Studie zunächst nicht den gewünschten Erfolg brachte (der notwendige positive Kosten-Nutzen-Faktor wurde nicht erreicht), so haben die Verantwortlichen im Zweckverband für den SPNV angekündigt, weitere Untersuchungen durchzuführen. Im Buch heißt es dazu: „Die kommenden Jahre werden erweisen, ob der Titel „Abgeschnitten vom Weltverkehr" eine aktuelle Zustandsbeschreibung für eine ganze Region oder doch nur eine Reminiszenz an die Vergangenheit ist." Dem ist nichts hinzuzufügen.
Ungewöhnlich mag auf den ersten Blick auch das Titelbild erscheinen. Da dampft eine Lok der Baureihe 78 mit historischem Zug durch die Baumberge zwischen Havixbeck und Münster, aufgenommen als Nachschuss. Das Bild könnte Jahrzehnte alt sein - es wurde aber erst 2008 im Rahmen einer Sonderfahrt aufgenommen. Doch genau dieses Bild passt ausgezeichnet zum Titel und auch zum Buch. Es lädt geradezu ein, in einen Zug auf der Baumbergebahn einzusteigen und die Geschichte der Nebenbahn im wahrsten Sinne des Wortes zu „erfahren", Geschichten der Bahnhöfe und Haltepunkte, der Menschen an und in der Bahn zu erleben. Den Autoren ist das gekonnt gelungen.
Erfreulich auch die ausgewogene und reichhaltige Bildauswahl: Da sieht der Leser nicht nur ausschließlich Züge aus den verschiedenen Jahrzehnten, sondern er erhält auch Einblicke in den Betriebsalltag der Eisenbahner aus den ersten Jahren bis in die heutige Zeit, wo die moderne Bahn mit Einblicken in die Tätigkeit der Mitarbeiter im ESTW Coesfeld und der DB Regio-Fahrzeugwerkstatt in Münster dokumentiert wird. Zahlreiche Grafiken, detaillierte Gleis- und Gebäudepläne und Fahrpläne runden den positiven Gesamteindruck ab, so dass kleine Nachlässigkeiten bei der Bildreproduktion (S. 109 unten links, S. 121 und 122 oben, jeweils zu farbintensiv) durchaus zu vernachlässigen sind. Eine sehr gelungene Dokumentation über eine Verbindung, die gewiss auch in der Zukunft noch von sich reden machen wird. (ms)

Aus aktuellem Anlass: Bitte bestellen Sie möglichst im Buchhandel an Ihrem Wohnort!

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