2001 - 2021: Zwanzig Jahre grenzenloser Nahverkehr zwischen Gronau und Enschede - eine Erfolgsstory

Ende September 1981 fuhr der letzte planmäßige Reisezug zwischen dem münsterländischen Gronau und der niederländischen Stadt Enschede. Gut 20 Jahre später, am 18. November 2001, wurde die grenzüberschreitende Strecke im Personenverkehr reaktiviert. Ein starker gemeinsamer Wille und eine Vielzahl von binationalen Koordinations- und Kooperationsleistungen waren dazu notwendig - schließlich gab es damals zwischen den Übergangspunkten Weener/Nieuweschans im äußersten Nordwesten Niedersachsens und Kaldenkirchen/Venlo am Niederrhein keine Möglichkeit, die deutsch-niederländische Grenze mit Regionalzügen zu überqueren. Und Erfahrungen mit der Reaktivierung grenzüberschreitender Regionalstrecken gab es so gut wie nicht.
Heute, 20 Jahre nach der Reaktivierung, lässt sich bilanzieren, dass sich der starke Wille und die Ausdauer auf deutscher und niederländischer Seite ausgezahlt haben: Beidseits der Grenze wird die 9 Kilometer lange Strecke außerordentlich gut angenommen.

Der lange Weg zur Reaktivierung
Das entscheidende Datum war genau drei Jahre vor dem Tag der Reaktivierung der 18. November 1998: Im Euregio-Tagungszentrum in Glanerbrug unterzeichneten Vertreter des Zweckverbandes SPNV Münsterland, der niederländischen Provinz Overijssel und der Gemeinde Enschede die öffentlich-rechtliche Vereinbarung zur Wiederaufnahme des Schienenpersonennahverkehrs zwischen Gronau und Enschede.
Die Planungen für die Wiederinbetriebnahme der eingleisigen Strecke stützten sich auf ein Gutachten aus dem Jahr 1996, das Reisendenzahlen von anfänglich ca. 2000 Personen täglich prognostizierte. Eine kleine Arbeitsgruppe bestehend aus den Vertretern der genannten Vertragsunterzeichner sowie der Euregio, des Kreises Borken, der Regio Twente und der Schienenverbund Münsterland GmbH (später Zweckverband SPNV Münsterland) hatte dieses Gutachten in konkrete Planungen umgesetzt, Gespräche mit Zuschussgebern und den Infrastruktureigentümern geführt und nicht zuletzt die Ende 1998 paraphierte Vereinbarung erarbeitet.
Nachdem bereits im Februar 2000 auf deutscher Seite umfangreiche Freischneide- und Vermessungsarbeiten beobachtet werden konnten, begannen am 26.02.2001 auf der niederländischen Seite offiziell die Bauarbeiten. Auf deutscher Seite fand der symbolische der erste Spatenstich am 06.04.2001 im Bahnhofsbereich Gronau statt.
Grundlegend saniert wurde die gesamte Infrastruktur der seit 1985 nicht mehr befahrenen Strecke, auf der bis Anfang 2000 noch meterhohe Birken wuchsen. Neben dem Oberbau und Signalen sowie den sieben Bahnübergängen war auch die Erneuerung der Brücke über den Grenzfluss Glane notwendig.
Zudem mussten die Infrastruktur und die kommunalen Zugangswege für die beiden neuen im Auftrag des damaligen niederländischen Infrastrukturbetreibers Railinfrabeheer Regio Noordoost errichteten Haltepunkte Enschede-De Eschmarke und Glanerbrug (direkt an der Grenze) geschaffen werden. In Glanerbrug wurde - entgegen ersten Planungen - keine Kreuzungsstelle eingerichtet. Auch ist in Enschede ein Übergang auf das niederländische Streckennetz bis heute nicht möglich, da das Streckengleis im Bahnhof Enschede auf Gleis 4 (bis 2013 auf Gleis 5) stumpf am Prellbock endet. Betrieben wurde die Strecke zunächst vom DB-Fahrdienstleiter Gronau „Gf" im Stichstreckenblock, seit Aufschaltung der Strecke (Münster - ) Gronau - Enschede auf das ESTW Coesfeld im Herbst 2008 und der damit verbundenen Auflassung des Gronauer Stellwerks geschieht dies vom dortigen Fahrdienstleiter „Cf".
Die Gesamtinvestitionskosten beliefen sich auf rund 13,5 Mio. Euro. Davon übernahm die Europäische Union über das INTERREG-II-Programm der Euregio 2 Mio. Euro. Auf deutscher Seite beteiligten sich das Land Nordrhein-Westfalen mit rund 2,34 Mio. Euro, der Bund und die DB Netz AG mit weiteren 410.000 Euro.
In den Niederlanden übernahm das zuständige nationale Ministerie van Verkeer en Waterstraat rund 7 Mio. Euro. Die Provincie Overijssel, die Gemeente Enschede und die Regio Twente beteiligten sich mit insgesamt 1,85 Mio. Euro an den Reaktivierungskosten.

Gutes Angebot: Zwei Linien - halbstündliche Verbindungen
Das Verkehrsangebot zwischen Gronau und Enschede konnte sich von Anfang an sehen lassen: Zwei Linien und alle 30 Minuten ein Zug - nicht nur an den Wochentagen, sondern gerade auch an den nachfragestarken Wochenenden - vom frühen Morgen bis zum späten Abend; das Fahrplanangebot war und ist ein wesentlicher Eckstein des Erfolgs der Strecke. Betrieblich interessant war die Tatsache, dass die Strecke zwischenzeitlich von zwei Eisenbahnverkehrsunternehmen bedient wurde: Der Betrieb auf der Strecke Münster - Gronau - Enschede (RB 64, Euregio-Bahn) wurde 1999 vom Zweckverband SPNV Münsterland ausgeschrieben. Als Ergebnis des Wettbewerbsverfahrens erhielt die DB Regio NRW GmbH vom Zweckverband und den niederländischen Aufgabenträgern den Zuschlag. Den Verkehr auf der Strecke Dortmund - Lünen - Coesfeld - Gronau - Enschede (RB 51, Westmünsterland-Bahn) betrieb seit Dezember 2004 die Prignitzer Eisenbahn GmbH (PEG). Die spätere Netinera-Tochter (ein Unternehmen der italienischen FS-Gruppe) konnte die Ausschreibung der Zweckverbände SPNV Münsterland, SPNV Ruhr-Lippe und Verkehrsverbund Rhein-Ruhr sowie der Provincie Overijssel und der Gemeente Enschede für sich entscheiden und bediente die Linie bis Dezember 2011.
Nach erneuter Ausschreibung der Strecken RB 51, 63 (Baumberge-Bahn Münster - Coesfeld) und 64 als „Netz Westliches Münsterland" entschieden die beteiligten Aufgabenträger im April 2010, den Betrieb auf allen drei Linien zum Fahrplanwechsel am 11.12.2011 an die Deutsche Bahn-Tochter DB Regio zu vergeben.
Der Verkehrsvertrag, der am 18.11.2011 in Enschede im Rahmen einer Feierstunde unterschrieben wurde, hat eine Laufzeit von 15 Jahren und sieht vor, dass zwischen Gronau und Enschede weiterhin durchgängig ein Halbstundentakt gefahren wird.
Seit dem Fahrplanwechsel am 11.12.2011 bedient somit die DB Regio AG beide Linien. Eingesetzt werden weiterhin Triebwagen der Baureihe 643 und mittlerweile auch der Baureihe 644.
Die Tarifierung im grenzüberschreitenden Verkehr erfolgt unkompliziert. Die Gesamtstrecke, also auch die niederländischen Stationen, sind in den WestfalenTarif als Nachfolger des Münsterland-Tarifs eingebunden. Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2011 können Fahrgäste Fahrkarten bequem an den Automaten direkt in den Zügen der DB Regio erwerben, darüber hinaus aber auch an einem stationären Fahrkartenautomaten in Enschede .

Hohe Fahrgastnachfrage - besonders an Samstagen
Das außergewöhnlich dichte Zugangebot zwischen den beiden Grenzstädten hat zu einer deutlichen Nachfragesteigerung geführt. Bereits im ersten Jahr (2002) nutzten rund 1000 Fahrgäste täglich (Montag bis Freitag) die neue Verbindung, 2006 waren es bereits 1800 Fahrgäste, im Jahr 2010 schon gut 2000, 2019 wurden 2310 Reisende gezählt. An Sonn- und Feiertagen lagen die Werte zunächst leicht darunter (2002: 900 Fahrgäste; 2010: 1400 Fahrgäste), 2019 nutzten an diesen Tagen 2437 Fahrgäste die Verbindung und damit mehr als an Arbeitstagen. Beachtlich ist die Nachfrage an Samstagen. Diese betrug bereits 2002 im Durchschnitt 1800 Fahrgäste pro Tag, 2019 waren es bereits 3208. Eine Nachfragespitze ist also klar an Samstagen, wo in Enschede der Wochenmarkt stattfindet, zu verzeichnen. Ebenso nutzen am Samstag viele Niederländer das Zugangebot in Gegenrichtung für einen Einkaufsbummel in Münster oder für einen Ausflug ins Westmünsterland. Eine besonders hohe Fahrgastnachfrage ist alljährlich an den Advents-Wochenenden festzustellen, wenn die Weihnachtsmärkte in Münster und Dortmund attraktive Ziele für die Niederländer darstellen.

Grenzenloses Europa - zwischen Gronau und Enschede ein Stück Realität
In den Zügen ist das grenzüberschreitende Fahren heute selbstverständlich. So werden Fahrgäste auf den Linien RB 51 und RB 64 sowohl in deutscher wie auch in niederländischer Sprache über die Stationen informiert. Dennoch ergaben sich auch kleinere Abstimmungsprobleme: Eine Zeit lang gab es beispielsweise Kompetenzschwierigkeiten hinsichtlich der Zuständigkeit bei der Bestückung der Informationsvitrinen in Enschede, Enschede-De Eschmarke und Glanerbrug mit DB-Aushangfahrplänen oder aktuellen Informationen zu Baumaßnahmen oder Sonderverkehren. Hier konnten Aufgabenträger, DB Regio und der niederländische Netzbetreiber ProRail die Probleme jedoch lösen: Mittlerweile werden die Züge der DB auch auf den neuen elektronischen Fahrgastinformationssystemen auf den Bahnsteigen in Enschede mit angezeigt.
2013 erfolgte ein großflächiger Umbau des Bahnhofs Enschede. Seither fahren die aus Deutschland kommenden Züge nicht mehr auf Gleis 5, sondern auf Gleis 4 ein und aus. Vorteil für die Reisenden: Der umständliche und relativ weite Fußweg über den Bahnübergang auf die andere Bahnhofsseite ist entfallen.

Und in Zukunft?
Im Rahmen des grenzüberschreitenden Projekts „EuregioRail" soll die Strecke ausgebaut und der Verkehr weiter attraktiviert werden. So ist ein zweigleisiger Ausbau zwischen Gronau und Enschede zur Aufnahme zusätzlicher Verkehre im Rahmen der geplanten Einführung einer „Münsterland-S-Bahn" mit Zielhorizont 2030+ ebenso vorgesehen wie die Schaffung einer durchgehenden Verbindung über Enschede hinaus bis Zwolle. Bei Umsetzung würden zwischen Gronau und Enschede mit den geplanten neuen Linien S4 (Münster - Enschede), RE 13 (Münster - Enschede - Zwolle) und RE 51 (Dortmund - Gronau - Enschede) drei Verbindungen pro Stunde angeboten. Auch eine Elektrifizierung der Strecke wird angestrebt. Aktuell wird eine Untersuchung durchgeführt, um Kosten und Nutzen der Pläne zu analysieren.
Das EuregioRail-Projekt ist Teil des INTERREG-Programms Deutschland-Niederlande und wird von der Europäischen Union, der Provinz Overijssel, dem Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe und dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie (MWIDE) Nordrhein-Westfalen unterstützt. Weitere Mitfinanzierer sind die Gemeinden Enschede, Hengelo und Almelo, die Kreise Coesfeld, Steinfurt und Borken, die Regionen Achterhoek, Twente und Zwolle sowie die Städte Münster und Osnabrück.
Attraktiv für die Strecke Gronau - Enschede könnte auch eine Reaktivierung der Strecke Bad Bentheim - Gronau im SPNV sein. Hier hat die Bentheimer Eisenbahn AG eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse in kürze vorgestellt werden sollen. Sollte die Reaktivierung langfristig umgesetzt werden, könnten in Gronau attraktive Umsteigebeziehungen Enschede - Bad Bentheim entstehen.

Die Strecke Gronau - Enschede - ein Blick zurück
Im Jahre 1886 wurde auf holländischer Seite der Streckenabschnitt Enschede - Reichsgrenze Glanerbeek (heute Glanerbrug) als Verlängerung der bereits seit 1866 bestehenden Strecke Hengelo - Enschede in Betrieb genommen. Ziel war bereits damals der Anschluss an das Preußische Schienennetz. Jedoch erst knapp 10 Jahre später, am 01.10.1875, wurde der grenzüberschreitende Verkehr durch die Verlängerung der Münster-Enscheder-Eisenbahn über Gronau hinaus nach Glanerbeek aufgenommen. Die Strecke stand allerdings stets im Schatten der nur 10 Kilometer nördlich verlaufenden Almelo-Salzbergener-Eisenbahn (Übergang Bad Bentheim); daran änderten auch zeitweilig bestehende Zuglangläufe wie Amsterdam - Enschede - Gronau - Münster oder Enschede - Gronau - Münster - Warendorf - Bad Pyrmont nichts. Um den lokalen Verkehr anzukurbeln, wurden auf niederländischer Seite im Stadtgebiet Enschede im Jahre 1927 die Haltepunkte Hengelosestraat und Oldenzaalsestraat eingerichtet. Beide Haltepunkte wurden aber - vermutlich aufgrund des geringen Haltestellenabstandes - nie in dem gewünschtem Maße angenommen und mit der 1938 erfolgten kriegsbedingten Umstellung von Triebwagen- auf Dampfzugverkehr im Jahre 1940 bereits wieder aufgegeben. Ebenfalls mangels Nachfrage aufgegeben wurden im Jahre 1952 die sieben Jahre zuvor neu eingerichteten Haltepunkte Dolphia Dorp und Zwarte Weg ebenfalls auf niederländischer Seite.
Der Reisezugverkehr zwischen Gronau und Enschede wurde ab Ende der 1960er Jahre immer weiter ausgedünnt. Das „Aus" für die Strecke kam am 26. September 1981, an dem letztmalig eine Triebwagengarnitur zwischen den beiden Grenzstädten pendelte.
Am 15.06.1985, einem Samstag, wurde die offiziell nie stillgelegte Strecke dann nochmals für einen Tag planmäßig von Personenzügen befahren: Die Initiative BOREG („Bus op Rails Gronau - Enschede") wollte schon damals für eine Wiederaufnahme des Personenverkehrs werben und setzte an jenem Tag einen von den britischen Firmen BRE (Britisch Rail Engineering Ltd.) und Leyland Bus entwickelten Schienenbus ein. Am Vortag erfolgte bereits eine nichtöffentliche Probefahrt auf der Strecke, bei der sich zeigte, wie kompliziert das grenzüberschreitende Vorhaben seinerzeit noch war: So funktionierte die Fernsprechleitung zwischen den Fahrdienstleitern in Gronau und Enschede nicht. Kurios auch: Ein Mitarbeiter der Initiative wollte wie mit der damaligen Bundesbahndirektion Essen vereinbart die Streckennutzungsgebühren in Höhe von 1800 DM bei der Fahrkartenausgabe Gronau in bar einzahlen. Dort wusste man davon aber nichts und verweigerte zunächst die Annahme des Geldes.
Die eigentlichen Pendelfahrten am Samstag waren allerdings ein großer Erfolg. Zahlreiche Fahrgäste nutzten die einmalige Gelegenheit für einen Ausflug per Zug über die Grenze. Weitere Aktivitäten der Initiative blieben in der Folgezeit dann jedoch aus.

Von Michael Schumann

 

 

 

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