Aufnahme des elektrischen Betriebs zwischen Wesel und Bocholt im Dezember 2021 geplant /Industriestammgleis der Stadt Bocholt wird nicht erhalten

Die Aufnahme des elektrischen Betriebs auf der Strecke Wesel - Bocholt soll zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2021 erfolgen. Ursprünglich sollte die Elektrifizierung bereits zum Fahrplanwechsel Ende 2018 abgeschlossen sein. Bis mindestens Ende 2021 bleiben die Betriebsstellen Bocholt und Hamminkeln (hier: zeitweise) mit einem Fahrdienstleiter besetzt.

Im April 2017 hatte die Deutsche Bahn für die Baumaßnahme das Baurecht beantragt. Die ursprüngliche Terminplanung sah ein verkürztes sogenanntes Plangenehmigungsverfahren vor und dementsprechend eine Inbetriebnahme zum Ende 2018. Dieses lässt sich insbesondere auf Grund der Umweltbelange und den damit entstehenden neuen Betroffenheiten an der Strecke nicht aufrechterhalten, so dass ein zeitlich wesentlich aufwändigeres Planfeststellungsverfahren angestoßen werden musste. Die Planunterlagen liegen seit Mai 2017 beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zur Planfeststellung vor. Anfang Mai 2018 wurde eine abgestimmte Bau- und Finanzierungsvereinbarung vom Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und dem Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) an die DB AG zur Unterzeichnung übersandt. In diesem Vertragsentwurf ist für die Erstellung von Masten, die sowohl für die Elektrifizierung nach Bocholt, wie auch für die Ausbaustrecke Oberhausen - Emmerich (ABS 46/2) genutzt werden sollen, eine anteilige Kostenhöhe berücksichtigt worden, wie es Ende 2017 mit der DB Netz AG abgestimmt war. Das EBA hat jedoch die erforderliche Unbedenklichkeitsbescheinigung für eine anteilige Kostentragung nicht ausgestellt, so dass diese Kosten insgesamt zumindest vorfinanziert werden müssen. Wenn zu einem späteren Zeitpunkt eine "Baufreigabe in finanzieller Hinsicht" (BifH) zur anteiligen Finanzierung aus Mitteln der ÖPNV-Bedarfsplanmaßnahme ABS 46/2 von Seiten des EBA vorliegt, findet eine Verrechnung in Höhe der freigegebenen Zuwendung statt. Sollte widererwarten eine BifH nicht erteilt werden, müssen die Aufgabenträger die entsprechenden Kosten in voller Höhe tragen. Weitere Kostenerhöhungen wurden von der DB bis Ende 2018 mitgeteilt für die Stromversorgung im Bahnhof Wesel (Masten und Speiseleitung incl. Rückleiterseilführung), die Erweiterung der Oberleitung in Bocholt, eine Bauhaftpflicht-Versicherung und eine Kostenanpassung aufgrund der aktuellen Marktlage.Bei den Planfeststellungen für die beiden Streckenabschnitte im Kreis Wesel und im Kreis Borken sind die Einwendungsfristen bereits abgelaufen. Für die sogenannte Bahnhofsinsel Wesel ist jedoch ein gesondertes Planfeststellungsverfahren erforderlich geworden, für das die Unterlagen zur Planfeststellung von der DB erst im Mai 2019 dem EBA zur Verfügung gestellt werden konnten. Dieses Verfahren konnte mittlerweile abgeschlossen werden.
Die aktuellen Planungen (Stand: Mitte Dezember 2020) sehen vor, dass ab Januar 2021 mit den Kabeltiefbauarbeiten begonnen werden soll. Alle weiteren Bauarbeiten sind für das Jahr 2021 vorgesehen. Hierfür sind Vollsperrungen der Strecke vom 23.12.2020 - 0601.2021, 03.04.2021 - 11.04.2021 und 05.07.2021 - 11.12.2021 notwendig.
Die DB Netz AG rechnet mit Gesamtinvestitionskosten in Höhe von 32 Mio. Euro. Für die Anlagenteile der DB Station&Service AG in Bocholt und Hamminkeln kommen 1,7 Mio. Euro hinzu, so dass für das Gesamtprojekt mit Kosten von rund 35,5 Mio. Euro gerechnet wird.

Bereits zum Fahrplanwechsel im Dezember 2016 wurden die bislang von DB Regio NRW mit Dieseltriebwagen der Baureihe 628 erbrachten Reisezugleistungen auf der Linie RB 32 von der Abellio Rail NRW GmbH übernommen. Abellio Rail NRW bedient die Strecke seither im Rahmen des Niederrhein-Netzes, zu dem auch die Betriebsleistungen auf den Linien Mönchengladbach - Wesel (RB 33) und Düsseldorf - Arnheim (RE 19) zählen. Bis zur Elektrifizierung wird Abellio Rail NRW zwischen Wesel und Bocholt Dieseltriebwagen der Bauart LINT einsetzen, nach Aufnahme des elektrischen Betriebs wird die Strecke dann in die Linie RE 19 (Düsseldorf - Wesel - Emmerich - Arnheim) per Flügelzugkonzept eingebunden und mit Elektro-Triebzügen des Typs FLIRT bedient.

Im Rahmen der Elektrifizierung der Strecke wird der Abschnitt Wesel (ab km 2,3) - Hamminkeln für eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h ausgebaut, der Abschnitt Hamminkeln - Bocholt wird mit 80 km/h befahren werden können. Die Strecke wird an das elektronische Stellwerk (ESTW) in Emmerich angebunden. Dazu werden in Hamminkeln und Bocholt zwei elektronische Stellwerke (ETSW-A) neu gebaut. Die mechanischen Stellwerke in Bocholt (Bf) und Hamminkeln (Hf, nur unregelmäßig besetzt z.B. bei Güterverkehrsbedienung Firma Bögl) werden mit der Anbindung an das ESTW Emmerich aufgelassen. Neben Bocholt werden auch im Bahnhof Hamminkeln weiterhin Zugkreuzungen möglich sein. Dazu wird dort ein barrierefreier Mittelbahnsteig errichtet. In Hamminkeln wird zudem die Eisenbahnüberführung über den Fluss Issel neu gebaut.
Für den Bahnhof Bocholt sehen die Planungen vor, die derzeitigen Gleise 12, 13 und 14 einschließlich der Anschlussweiche 5 komplett zurückzubauen. Nördlich des Bahnübergangs Kaiser-Wilhelm-Straße soll mittels einer neuen Weiche ein neues Gleis (künftig Gleis 2) angebunden werden, welches parallel zum Hauptgleis verläuft und nach Inbetriebnahme für die Nachtabstellung von Zuggarnituren und für kleinere Rangierarbeiten genutzt werden kann.
Das derzeit betrieblich nicht genutzte Industriestammgleis der Stadt Bocholt zum Industriepark Mussum wird nicht erhalten; eine Anbindung der Weiche 3 an das ESTW Emmerich erfolgt nicht. Diese negative Entscheidung ist Folge eines Beschlusses des Haupt- und Finanzausschusses der Stadt Bocholt vom 02.12.2020.
>> Weitere Infos zum Industriestammgleis

In Bocholt ist darüber hinaus die Modernisierung der Verkehrsstation vorgesehen. Die Stationsmaßnahme Bocholt ist Teil des im NWL (Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe) beschlossenen Investitionsprogramms für Bahnhöfe in Westfalen-Lippe.

Die Strecke Wesel - Bocholt hatte in den vergangenen Jahrzehnten eine wechselvolle Geschichte. Aufgrund des stetig steigenden motorisierten Individualverkehrs und damit einhergehend rückläufiger Fahrgastzahlen sollte der Reisezugverkehr Mitte der 1980er Jahre eingestellt werden. Um die drohende Einstellung zu verhindern, hatte die Stadt Bocholt im Jahr 1989 im Vorgriff auf die Regionalisierung die Initiative ergriffen und einen eigenen finanziellen Beitrag von über 5 Mio. DM geleistet, durch den sie der damaligen Deutschen Bundesbahn einen Dieseltriebwagen der Baureihe 628.3 zur Verfügung stellte (bekannt geworden als „Der Bocholter", erstmals eingesetzt ab 06.10.1990) und mit großem Aufwand den Bahnhof und das Bahnhofsumfeld erneuerte und damit für die Bahnkunden attraktiver machte. Dank dieses erheblichen finanziellen Engagements gelang es, in der Folgezeit die Reisendenzahl wieder deutlich zu erhöhen. Heute liegt die Zahl der Reisenden bei täglich mehr als 1.300 Ein- und Aussteigern am Bahnhof Bocholt.

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