Eisenbahnverkehr im Hafen Spelle-Venhaus

Der Hafen Spelle-Venhaus liegt am nördlichen Streckenabschnitt des Dortmund-Ems-Kanals im niedersächsischen Landkreis Emsland. Betrieben wird die Hafenanlage mit dem in den 1970er-Jahren angelegten Stichhafen (Bestandshafen) mit Wendebecken und dem 2013 in Betrieb genommenen Parallelhafen von der 1978 gegründeten Hafen Spelle-Venhaus GmbH, deren Gesellschafter je zur Hälfte die Samtgemeinde Spelle und die Gemeinde Spelle sind.
Aufgrund stetig steigender Umschlagzahlen, einem immer größeren Bedarf an schneller und kostengünstiger Binnenschifffahrt und nicht zuletzt vor dem Hintergrund des bis 2025 geplanten Ausbaus des Dortmund-Ems-Kanals begannen 2006 seitens der Betreibergesellschaft die Planungen für einen grundlegenden Um- und Ausbau des Hafens. Nach intensiver Vorbereitung starteten die Bauarbeiten im Mai 2011. Sie umfassten die Herstellung von Kaianlagen für den Parallelhafen und eine Ausweitung der Gewerbeflächen mit den entsprechenden Infrastrukturmaßnahmen.
Derzeit verfügt der Kanalhafen über eine Gewerbefläche von gut 50 Hektar. Davon sind 25 Hektar mit Gewerbe im Bestandshafen belegt, vom gut 15 Hektar großen Erweiterungsgebiet sind bereits acht Hektar vermarktet. Im Hafen befinden sich zwölf Liegeplätze für Europaschiffe. Umgeschlagen werden hauptsächlich Getreide, Futtermittel, Mineralölprodukte, Baustoffe und Bauschüttgüter.
Seit der Fertigstellung des rund 720 Meter langen Parallelhafens und der dazugehörigen 50 Meter breiten Umschlagfläche im Jahr 2013 wird vermehrt auch Stückgut umgeschlagen, insbesondere große Bauteile für Windkraftanlagen sowie Siloanlagen für landwirtschaftlich geprägte Unternehmen.

Ein zukunftsweisendes Projekt: Der Anschluss des Hafens an das Schienennetz
Im Rahmen der Planungen für den Ausbau des Hafens führte die Betreibergesellschaft vor einigen Jahren Gespräche mit den anliegenden Firmen mit der Frage, wie notwendig ein Anschluss des Hafens auch an das Schienennetz und damit die Herstellung der Trimodalität durch Verknüpfung der Verkehrsträger Wasser, Straße und Schiene sei. Dabei hieß es von Seiten mehrerer Firmen zunächst, dass ein solcher Anschluss wünschenswert sei. Aus diesem „nice to have" von Unternehmerseite entwickelte sich in der Folgezeit allerdings schnell ein „must have". Die Gesellschafter der Betreibergesellschaft entschieden sich daraufhin für den Bau einer Gleisanbindung des Hafens an die von der Regionalverkehr Münsterland GmbH (RVM) betriebene Strecke Rheine - Spelle.

Nachdem der Planfeststellungsbeschluss für den Bau der Gleisanlage durch die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Oldenburg im April 2012 erteilt wurde, konnte im Februar 2014 die europaweite Ausschreibung der Bauleistungen zur Errichtung von Gleisanlagen im Amtsblatt der EU erfolgen. Der Beginn der Bauarbeiten erfolgte am 22.01.2015.
Die neue gut vier Kilometer lange Gleisanlage bindet sowohl den Stichhafen als auch den neuen Parallelhafen an. Insgesamt wurden rund 5,6 Mio. Euro investiert - finanziert über die Investitions- und Förderbank Niedersachsen - NBank (2,3 Mio. Euro) sowie über den Landkreis Emsland und die Hafen Spelle-Venhaus GmbH (3,3 Mio. Euro). Die Betriebsdurchführung hat die Betreibergesellschaft der RVM übertragen.

Der Gleisanschluss zum Hafen schließt mit einer Anschlussweiche in Höhe Kilometer 113,4 an die RVM-Strecke Rheine - Spelle an und verläuft parallel der Landesgrenze Niedersachsen/Nordrhein-Westfalen in Richtung Kanal.
Im Hafen befindet sich zunächst die zweigleisige Ladestelle Parallelhafen mit einem 539 Meter langen Umfahrgleis. Daran anschließend verläuft das Stammgleis in Richtung Norden entlang der Zufahrtsstraße in den Hafen und wird in einem 180-Grad-Bogen entlang des Stichhafens über die Entladeeinrichtung der Ladestelle Cordesmeyer an den Kanal zurückgeführt, wo es derzeit stumpf endet, mittelfristig aber zu einem Ring ausgebaut werden soll.
Dieses knapp 140 Meter lange Gleis am derzeitigen Streckenende kann ebenfalls als Ladestelle genutzt werden, allerdings nur eingeschränkt nach Absprache, da es vornehmlich als Ausziehgleis für die vorangehende Ladestelle Cordesmeyer dient, deren Bedienung Vorrang hat.
Ebenfalls mittelfristig ist die Anlage eines Stichgleises in den nordöstlichen Teil des Hafens auf das Gelände des Futtermittelherstellers Bröring mit eigener Ladestelle vorgesehen.

Vielfältige Nutzer der Hafenbahn
Nutzer der neuen Hafenbahn sind bzw. werden das Baustoffhandelsunternehmen Gerhard Herbers GmbH (seit über 55 Jahren im Hafen ansässig), der Futtermittelhersteller H. Bröring GmbH & Co. KG sowie der Mehlproduzent Emsland Flour Mills GmbH & Co. KG, ein Schwesterunternehmen der seit 1992 im Hafen ansässigen Hemelter Mühle Dr. Cordesmeyer GmbH & Co. KG sein.
Emsland Flour Mills erhält Rohstoffe - hauptsächlich Brotweizen - unter anderem aus Südosteuropa auf der Schiene und hat dafür mit einem Investitionsvolumen von rd. 2,4 Mio. Euro eine bahnseitige Entladeeinrichtung gebaut. Hier wird das Getreide in einem unterirdischen Auffangbunker mit einem Fassungsvermögen von 100 Tonnen abgelassen und über eine ebenfalls unterirdisch angelegte Fördertechnik mit einer Leistung von 300 Tonnen pro Stunde in die Hochsilos befördert. Bislang wurden die Rohstoffe ausschließlich per Binnenschiff angeliefert. Das in Spelle gewonnene Mehl wird überwiegend an Großbäckereien in Norddeutschland, dem Ruhrgebiet und in die Niederlande ausgeliefert.
Das seit 1977 im Hafen ansässige Unternehmen Bröring hat bereits vor einigen Jahren mit dem Neubau von Siloanlagen und eines Verwaltungsgebäudes erheblich in den Standort Spelle investiert. Produziert werden täglich rund 800 Tonnen Mischfutter für die Belieferung landwirtschaftlicher Kunden in der Region. Bröring erhält derzeit rund 50 Prozent der angelieferten Rohware per Binnenschiff. Künftig sollen weitere 75.000 Tonnen Rohware jährlich per Bahn angeliefert werden, wodurch 3.000 LKW-Anlieferungen pro Jahr entfallen. Dafür investiert das Unternehmen rund 1,5 Mio. Euro in eine eigene Bahnverladeanlage. Die Gleisanlage der Hafenbahn wird entsprechend in nordöstlicher Richtung zum Firmengelände des Futtermittelherstellers erweitert und soll im Sommer 2018 in Betrieb genommen werden..

Regelmäßiger Zugverkehr seit Herbst 2016
Nach erfolgter Abnahme der neuen Strecke durch die LEA - Gesellschaft für Landeseisenbahnaufsicht mbH aus Hannover am 21.10.2015 erreichte der erste Zug - ein Ganzzug der Starkenberger Baustoffwerke GmbH aus Starkenberg/Thüringen - den Hafen am 17.12.2015. Mit dem aus 23 Waggons bestehenden Zug wurden 1300 Tonnen Kies für das Baustoffhandelsunternehmen Herbers angeliefert.
Die regelmäßige Bedienung des Hafens begann am 17.10.2016, als Emsland Flour Mills einen aus 27 Waggons bestehenden Getreide-Ganzzug aus der Slowakei erhielt. Inzwischen werden hier in der Regel ein bis zwei Ganzzüge pro Woche abgefertigt.

Hintergrund: Umschlag im Hafen Spelle-Venhaus
Im Jahr 2016 wurden wasserseitig rd. 729.000 Tonnen umgeschlagen (2013: 507.959 Tonnen, 2014: 563.753 Tonnen, 2015: 678.000 Tonnen). Im Jahr 2014 wurden 596 Schiffe abgefertigt. Für die kommenden Jahre wird ein bahnseitiger Umschlag von 160.000 - 200.000 Tonnen erwartet.
Bei der Vermarktung der weiteren Gewerbeflächen im Erweiterungsgebiet setzt die Betreibergesellschaft ausdrücklich auch auf bahnaffine Firmen. /(msch)

 

 

 

 

 


 




 

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